Finanzen
Berliner Testament: Was es regelt, und wo es klemmt
Beim Berliner Testament setzen sich Eheleute gegenseitig als Alleinerben ein, die Kinder kommen erst nach dem Tod des Zweiten an die Reihe. Das hat zwei Folgen, die das Gesetz klar benennt: Der Überlebende kommt aus dem Testament kaum noch heraus, und die Kinder können beim ersten Todesfall ihren Pflichtteil verlangen, weil sie in diesem Moment enterbt sind. Der Pflichtteil ist die Hälfte des gesetzlichen Erbteils, in Geld.
Von Sven Schultz Zuletzt geprüft am Grundlage: Bürgerliches Gesetzbuch, Erbschaftsteuer- und Schenkungsteuergesetz, Gerichts- und Notarkostengesetz, Entscheidung des Bundesfinanzhofs von 2023
Auf einen Blick
Stimmt
- Ein gemeinschaftliches Testament können nur Eheleute errichten
- Einer schreibt, beide unterschreiben
- Nach dem Tod des Ersten ist der Überlebende an das Gemeinsame gebunden
Stimmt nicht
- Das Testament schließt den Pflichtteil der Kinder aus
- Eine Strafklausel steht im Gesetz
- Der Überlebende kann seinen Teil jederzeit ändern
- Pflichtteil
- Hälfte des gesetzlichen Erbteils
- Freibetrag je Kind
- 400.000 Euro
- Beurkundung eines gemeinschaftlichen Testaments
- doppelte Gebühr, mindestens 120 Euro
- Widerruf zu Lebzeiten
- nur notariell
Was ist ein Berliner Testament?
Zwei Eheleute schreiben ein Testament, setzen sich gegenseitig als Erben ein und bestimmen, dass nach dem Tod des Überlebenden alles an die Kinder geht. Das Bürgerliche Gesetzbuch hat dafür eine eigene Auslegungsregel: Im Zweifel sind die Kinder dann Erben des zuletzt Verstorbenen, nicht des Ersten. Juristen nennen das die Einheitslösung. Praktisch heißt es: Beim ersten Todesfall bleibt der ganze Nachlass beim Ehepartner, die Kinder erben in diesem Moment nichts.
Ein gemeinschaftliches Testament können nur Eheleute errichten, so steht es im Gesetz. Für ein unverheiratetes Paar gibt es diesen Weg nicht; dort bleibt der Erbvertrag. Für eingetragene Lebenspartner wird die Regel entsprechend angewendet.
Wie schreiben Eheleute es auf?
Es genügt, wenn einer von beiden das Testament von Hand schreibt und unterschreibt und der andere die gemeinsame Erklärung eigenhändig mitunterzeichnet. Der Mitunterzeichnende soll dabei angeben, wann und wo er unterschrieben hat. Mehr verlangt das Gesetz nicht — kein Notar, kein Zeuge, kein Formular. Wie ein eigenhändiges Testament aussieht und was es unwirksam macht, steht auf der Seite zum selbst geschriebenen Testament.
Was ist der Vorteil?
Der Überlebende erbt allein und muss sich mit niemandem auseinandersetzen. Ohne Testament wäre das anders: Neben Kindern erbt der Ehepartner in der Zugewinngemeinschaft die Hälfte, die Kinder teilen sich die andere Hälfte. Dann gehört das Haus plötzlich einer Erbengemeinschaft, und jeder Miterbe kann jederzeit die Auseinandersetzung verlangen. Genau das verhindert das Berliner Testament. Es ist der Grund, warum es so viele Paare wählen, die gemeinsam ein Haus bewohnen.
Wie stark bindet es — und wie kommt man wieder heraus?
Hier liegt der Punkt, den viele unterschätzen. Verfügungen in einem gemeinschaftlichen Testament sind in der Regel wechselbezüglich: Die eine wäre ohne die andere nicht getroffen worden. Solange beide leben, kann ein Ehegatte seine Verfügung nicht einfach durch ein neues Testament aufheben. Das Gesetz sagt das wörtlich. Der Widerruf braucht eine notariell beurkundete Erklärung, die dem anderen zugeht.
Nach dem Tod des Partners ist auch dieser Weg zu. Der Überlebende kann seine Verfügung dann nur noch loswerden, wenn er das ausschlägt, was ihm zugewendet wurde — also auf das Erbe verzichtet. Die Bindung endet nicht mit einem Datum. Sie gilt, solange der Überlebende lebt.
| Zeitpunkt | Was geht | Wie |
|---|---|---|
| Beide leben | Widerruf der eigenen wechselbezüglichen Verfügung | notariell beurkundete Erklärung, die dem anderen zugeht |
| Beide leben | gemeinsame Änderung | neues gemeinschaftliches Testament, altes vernichten |
| Ein Partner ist gestorben | Widerruf der eigenen Verfügung | nur durch Ausschlagung des Zugewendeten |
| Ein Partner ist gestorben | Änderung von allem, was nicht wechselbezüglich war | neues Testament |
Die Gebühr für die Beurkundung eines Widerrufs beträgt eine halbe Gebühr, mindestens 30 Euro.
Was ist mit dem Pflichtteil der Kinder?
Beim ersten Todesfall sind die Kinder durch das Testament von der Erbfolge ausgeschlossen. Genau das löst ihren Pflichtteilsanspruch aus. Der Pflichtteil besteht in der Hälfte des Wertes des gesetzlichen Erbteils und ist ein Anspruch auf Geld, kein Anteil am Haus. Er entsteht mit dem Erbfall.
Ein Rechenbeispiel aus den Vorschriften, kein Gesetzeszitat: Eheleute in Zugewinngemeinschaft, zwei Kinder. Ohne Testament bekäme der überlebende Ehegatte die Hälfte, jedes Kind ein Viertel. Der Pflichtteil eines Kindes ist die Hälfte davon, also ein Achtel des Nachlasses. Bei 400.000 Euro Nachlass sind das 50.000 Euro je Kind — in Geld, fällig gegenüber dem überlebenden Elternteil. Wer nur das Haus hat und kein Konto, steht damit vor einer Frage, die sich nicht wegformulieren lässt.
Wichtig für die Rechnung: Mitgezählt werden bei der Quote auch die Kinder, die enterbt sind, ausgeschlagen haben oder erbunwürdig sind. Wer durch Erbverzicht ausgeschlossen ist, zählt nicht mit.
Was ist eine Strafklausel, und was hat ein Gericht dazu gesagt?
Die Pflichtteilsstrafklausel steht nicht im Gesetz. Weder „Strafklausel“ noch „Jastrowsche Klausel“ kommen im Bürgerlichen Gesetzbuch vor — das sind Formulierungen aus der Praxis, die eine Notarin in das Testament schreibt. Angeknüpft wird an eine Vorschrift, die Vermächtnisse erlaubt, die erst mit dem Tod des Überlebenden anfallen.
Die Idee dahinter: Ein Kind, das beim ersten Todesfall den Pflichtteil fordert, soll auch beim zweiten Todesfall nur den Pflichtteil bekommen. Die Jastrowsche Klausel geht weiter und setzt für die Kinder, die stillhalten, ein Vermächtnis aus, das erst später fällig wird.
Der Bundesfinanzhof hat dazu 2023 entschieden, dass diese Konstruktion steuerlich anders wirkt, als viele annehmen: Der überlebende Ehegatte kann die Vermächtnisverbindlichkeit nicht als Nachlassverbindlichkeit abziehen, weil sie noch nicht fällig ist. Das Kind muss den Erwerb später so versteuern, als käme er vom zweitverstorbenen Elternteil. Ob eine solche Klausel für eine Familie passt und wie sie formuliert wird, entscheidet der Einzelfall. Das gehört zur Notarin oder zum Anwalt, nicht auf eine Ratgeberseite.
Was kostet das Berliner Testament steuerlich?
Es kostet den Freibetrag der Kinder beim ersten Todesfall. Jedes Kind hat gegenüber jedem Elternteil einen Freibetrag von 400.000 Euro. Erbt es beim Tod des Vaters nichts, bleibt dieser Freibetrag ungenutzt. Beim Tod der Mutter steht er nur ein zweites Mal zur Verfügung — für das inzwischen zusammengewachsene Vermögen beider Eltern. Dieser Schluss folgt zwingend aus dem Zusammenspiel von Erbrecht und Erbschaftsteuerrecht.
Dazu kommt: Der überlebende Ehegatte versteuert beim ersten Todesfall alles, was über seinen eigenen Freibetrag von 500.000 Euro hinausgeht. Dasselbe Vermögen läuft also zweimal durch die Erbschaftsteuer.
Eine Milderung ist wenig bekannt und steht ausdrücklich im Gesetz: Beim Berliner Testament kann der Schlusserbe auf Antrag verlangen, dass für die Besteuerung sein Verhältnis zum zuerst verstorbenen Elternteil zugrunde gelegt wird — soweit dessen Vermögen beim Tod des Überlebenden noch vorhanden ist. Der Antrag ist Sache des Kindes, gestellt wird er beim Finanzamt.
| Wer erbt | Freibetrag |
|---|---|
| Ehegatte, Lebenspartner | 500.000 € |
| Kind, Stiefkind | 400.000 € |
| Enkel, solange die Eltern leben | 200.000 € |
Zusätzlich gibt es beim Erben einen Versorgungsfreibetrag von 256.000 Euro für den überlebenden Ehegatten. Er wird um den Kapitalwert steuerfreier Versorgungsbezüge gekürzt, etwa einer Witwenrente.
Was kostet es beim Notar?
Ein gemeinschaftliches Testament wird mit der doppelten Gebühr beurkundet, mindestens 120 Euro. Ein Einzeltestament kostet eine einfache Gebühr, mindestens 60 Euro. Der Geschäftswert ist das Vermögen; Schulden werden abgezogen, aber höchstens bis zur Hälfte des Vermögenswertes. Umsatzsteuer kommt dazu.
Häufige Fragen
Kann ich ein Berliner Testament ohne Notar machen?
Ja. Es reicht, wenn einer von beiden es von Hand schreibt und unterschreibt und der andere eigenhändig mitunterzeichnet, mit Ort und Datum seiner Unterschrift. Notariell wird es nur gebraucht, wenn ihr später einseitig widerrufen wollt — dafür ist die Beurkundung vorgeschrieben.
Können die Kinder den Pflichtteil trotz Berliner Testament verlangen?
Ja. Weil sie beim ersten Todesfall von der Erbfolge ausgeschlossen sind, entsteht ihr Pflichtteilsanspruch. Er beträgt die Hälfte des gesetzlichen Erbteils und richtet sich als Geldforderung gegen den überlebenden Elternteil.
Was passiert mit dem Haus?
Es geht beim ersten Todesfall komplett auf den überlebenden Ehegatten über, eine Erbengemeinschaft entsteht nicht. Fordert ein Kind den Pflichtteil, muss der Betrag trotzdem in Geld gezahlt werden. Was das Haus wert ist, wird zum Todestag geschätzt.
Kann ich das Testament nach dem Tod meines Partners noch ändern?
Die wechselbezüglichen Verfügungen nicht. Das Widerrufsrecht erlischt mit dem Tod des anderen. Möglich bleibt es nur, wenn der Überlebende ausschlägt, was ihm zugewendet wurde. Alles, was nicht wechselbezüglich war, lässt sich weiter ändern.
Gilt das Berliner Testament auch für unverheiratete Paare?
Nein. Ein gemeinschaftliches Testament ist Eheleuten vorbehalten, so steht es im Gesetz. Unverheiratete Paare können jeweils ein eigenes Testament schreiben oder einen Erbvertrag beim Notar schließen.
Hinweis: Die Angaben dienen nur der allgemeinen Information. Sie ersetzen keine Rechts- oder Steuerberatung.
Zuletzt geprüft am 24.09.2026
Gründer von gen50
Hi, ich bin Sven. Ich mache gen50 von der schönen Spree aus. Ich bin mittlerweile selbst auf dem Weg zur 50. Ich schreibe über alles, was mich interessiert: Reisen, guter Wein, Finanzen, mein Garten, KI und gesund bleiben. Viel Spaß beim Lesen. Wenn was ist, schreib mir.
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